TAICHI, Das chinesische Gesundheitsprogramm
Taichi ist eine alte chinesische Bewegungskunst, die heute als Entspannungs- und Konzentrationsübung Millionen Anhänger auf der ganzen Welt gefunden hat.
Medizinische Untersuchungen in China haben die gesundheitsfördernden Aspekte des Taichi aufgezeigt. Es kann u.a. Blutdruck und Gelenke positiv beeinflussen. Richtig ausgeführtes Taichi wirkt Muskelverspannungen im Schulter-Nacken-Bereich entgegen. Eine neuere Untersuchung aus Taiwan legt sogar nahe, daß regelmäßige Taichi-Übungen die Behandlung von Diabetes Typ II signifikant unterstützen (Diabetes Care, März 2007). In China und in vielen anderen Ländern wird Taichi als Gesundheitsvorsorge anerkannt und gefördert.
Philosophie und Ursprung
Taichi gründet auf der ganzheitlichen Sehweise des alten China. Sie bindet den Menschen und seine Aktivitäten in eine Gesamtsicht des Universums ein. Die philosophischen Wurzeln des Taichi liegen im Taoismus, dessen legendärer Gründer Lao-tse im 5. Jahrhundert v.Chr. gelebt haben soll.
Das unsterbliche Werk, das dem Lao-tse zugeschrieben wird, ist das Tao-te-king. Es ist auch in mehreren deutschen Übersetzungen zugänglich. Sein zugrundeliegender Begriff ist das Tao, eine Art Weltprinzip. Das Tao wird mit Wasser verglichen: es ist fließend, geheimnisvoll, tief. Es bietet keinen harten Widerstand. Es ist weich, aber von beständiger Kraft, die sich letztlich durchsetzt.
Diesem Prinzip angepaßt, sind die Bewegungen des Taichi langsam und fließend. Man lernt, entspannt und doch voller Konzentration zu sein. Taichi wird daher auch als Meditation in der Bewegung bezeichnet, ebenso wie man auch von aktiver Entspannung spricht. Das Wechselspiel von Stärke und Nachgeben, von Fülle und Leere in den Taichi-Bewegungen entspricht den Polen Yin und Yang der chinesischen Philosophie, die jeweils fließend ineinander übergehen.
Obwohl seine Ursprünge in der alten Geschichte Chinas liegen, kann Taichi erst auf etwa 350 Jahre belegte Geschichte zurückblicken. Das mag daran liegen, daß es in alten Zeiten hinter verschlossenen Türen geübt und nur im Familienkreise weitergegeben wurde. Die Meister des Taichi waren damals Leute, die sich mit Geist und Körper auskannten. Sie beschäftigten sich mit dem Taoismus, den Kampfkünsten, der Medizin, der Käuterheilkunde.
Die Praxis
Die Basis des Taichi-Trainings ist eine Abfolge von fließenden Bewegungen, die sogenannte Form. Die Bewegungen sind traditionell festgelegt und haben genaue Bedeutungen. Die Formen sind in den Taichi-Stilen unterschiedlich, die Prinzipien sind aber gleich. Taichi kann in jedem Alter ausgeübt werden, von Männern wie von Frauen. Taichi erfordert keine körperliche Verausgabung. Es stärkt daher den Körper, ohne ihn zu erschöpfen. Man braucht eine qualifizierte Lehrperson, die auf die Feinheiten achtet, die man nicht sehen, sondern nur erspüren kann. Die Kleidung sollte weit und bequem sein. Es wird empfohlen, täglich nicht weniger als 5 bis zehn Minuten zum eigenen Wiederholen der Übungen einzuplanen. Es ist besser, wenige Übungen langsam und korrekt zu lernen, als einen längeren Übungsablauf, den man nicht wirklich verstanden hat. So ist es möglich, mit Taichi ohne sportliche Anstrengung dem Streß des Alltags zu entrinnen und neue Energie zu laden. Muskeln, Gelenke und Kreislauf danken es.
Taichi für Fortgeschrittene
Meist wird zu Anfang eine vergleichsweise einfache Form unterrichtet. Fortgeschrittene können weitere Stile des Taichi lernen sowie Taichi mit dem Schwert, dem Säbel, dem Stock und dem Fächer. Die Hohe Schule des Taichi offenbart sich im Partnertraining. Dabei reicht die Spanne von einfachen Übungen bis zu freien Abläufen, die schon dem Bereich der Kampfkünste zuzuordnen sind. Dabei geht es nicht mehr nur um körperliche Gesundheitsübungen, sondern um mentales Training - Loslassen, Sensibilität, Eingehen auf den Übungspartner und Sich-Behaupten.
Auf dem Wege zur Essenz des Taichi
Das Zusammenspiel von aktiver körperlicher Entspannung und mentalem Training geht sehr tief. Taichi ist kein Tanz und keine Art langsames Aerobic. Die äußeren Bewegungen sind zwar wichtig und werden als erstes unterrichtet, sie spiegeln aber nur einen Teil dessen wider, was zum Taichi gehört. Mit ein wenig Geduld kann man immer mehr Feinheiten erfassen und für sein persönliches Gesundheitsprogramm nutzen.
Dr. Martin Rüttenauer
Leitet mit der chinesischen Landesmeisterin Wu Mei Ling die Deutsch-Chinesische Wushu Akademie in Konstanz und veranstaltet Spezialreisen nach China und Tibet. Die Wushu Akademie unterrichtet Taichi und Wushu (Kungfu) für jedermann und in Trainings für Führungskräfte. Kontakt: info@wushu.de, Tel. 07531/24831. web: www.wushu.de.
KLEINES TAICHI-GLOSSAR
Taichi: bedeutet sinngemäß soviel wie das oberste Prinzip, aus dem sich die Polaritäten Yin und Yang entwickeln.
Chuan: Faust, im weiterführenden Sinne Faustkampf bzw. beim Taichi eine Form, die mit leeren Händen ausgeführt wird.
Taichi Jian: Taichi-Schwert-Form.
Peking-Form (24er-Form): eine Form, die in China aus der langen Yang-Stil-Form mit 108 Übungen entwickelt wurde, um breiteren Bevölkerungskreisen die Chance zu geben, Taichi zu lernen. Für Anfänger gut geeignet.
Yang-Stil Taichi: hat nichts mit Yin und Yang zu tun, sondern mit der Familie Yang, auf die dieser Stil zurückgeht. Gleichmäßig und langsam, prägte das allgemeine Bild vom Taichi.
Chen-Stil Taichi: ein älterer Stil, der auch tiefe Stellungen, schnelle Bewegungen und kleine Sprünge beinhaltet. Für Anfänger nur bedingt geeignet. Macht Leuten mit gutem Bewegungstalent Spaß.
Wu-Stil (alt), Wu-Stil (neu), Sun-Stil, Zhaobao-Stil: weitere Taichi-Stile.
Für die im Artikel genannten chinesischen Begriffe begegnen Ihnen auch andere Lateinumschriften:
Für Taichi: T’ai Chi, Taiji
Für Taichi Chuan (Taichi mit leerer Hand): Taijiquan
Für Taichi Jian (Taichi mit Schwert): Taijijian
Für Lao-tse: Laozi
Für Tao: Dao
Für Tao-te-king: Daodejing

























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