Selbst-Bewusstsein

von Siegfried Fastus
Wie auch immer ich mich dem Begriff ‚Selbst-Bewusstsein’ nähere, ich werde zunächst wohl geneigt sein, mich in die Domäne der modernen Tiefenpsychologie zu begeben. Und dies nicht zuletzt auf Grund meiner Bildungsprägung: ich bin Psychoanalytiker Jungscher Prägung. Legt man die Annahmen der Tiefenpsychologie zugrunde, ist Selbstbewusstsein eine Verhaltensqualität, eine psychische Energieleistung, die das ‚Ich’ einer individuellen Persönlichkeit hervorbringt. Allein mit diesem einen Satz habe ich mich bereits verstrickt. Will sagen, falls ich diesem Pfad einigermaßen korrekt folgen sollte, würde ich mich notwendigerweise in einer mehrseitigen Abhandlung über die so genannten ‚Essentials’ der menschlichen Psyche wieder finden, was ich gar nicht vorhabe.
Ich spreche hier ein grundlegendes Dilemma an, mit dem heute jeder geisteswissenschaftlich Denkende konfrontiert ist. Nämlich, dass jeder, der den Mut aufbringt, über Aufbau und Zusammenhalt unserer Welt universell zu forschen, zunächst einmal den Nachweis des bereits Bekannten, den aktuellen Forschungsstand zu liefern hat, ehe er sich erlauben kann, zu neuen Ufern aufzubrechen. Und genau dies wird auch geschehen, falls er es wirklich wagt: er wird aufbrechen. Etwas in ihm bricht dann zwangsläufig auf, und er hat dabei das merkwürdige Gefühl, dass er dabei genau den eigentlichen Kern von sich selbst berührt, jenseits aller abgesicherten akademischen Pfade.
Und er wird erkennen, dass es nicht eine einzige Annahme im gängigen Wissenschaftsbetrieb gibt, – und letzterer arbeitet nun wirklich nur mit Annahmen, mit Hypothesen über die Wirklichkeit - die letztlich als gesichert gelten könnte. Eines schönen Tages musste selbst der bornierteste Bischof der Römischen Kurie einsehen, dass die Erde eben nicht der Mittelpunkt des Universums ist, und dass die Sonne sich eben nicht um die Erde dreht, sondern genau umgekehrt, usw. Leider ergeht es unserem ‚Ich’ täglich genau so wie diesem sturen Bischof. Was wir als unser ‚Ich’ bezeichnen, ist ein höchst reaktionäres, ein von tausend Ängsten erfülltes Wesen, das lediglich darauf bedacht ist, einmal erlernte Positionen mit allen verfügbaren Mitteln zu verteidigen.
Unser größter Widersacher ist die Angst. Sie verlässt uns nie, und deshalb müssen wir durch oft leidvolle Erfahrungen lernen, mit ihr umzugehen. Jede Angst ist ein Gebilde aus angestauter, blockierter Lebensenergie, ein wildes Raubtier in einem Käfig aus Urteilen. Ängste sind unerlöste Geister, denen wir Gestalt und Macht verleihen.
Angst ist ein Wesen, das sich vor sich selbst fürchtet. Was könnte passieren, wenn es frei gelassen würde? Würde es mich auffressen, das wilde Tier, und mich zerstören? Es könnte mich auf der Stelle töten, mich einfach auslöschen.
Was ist das Gegenteil von Angst? Schauen wir ganz tief in unser innerstes Wesen, und wir werden erfahren, dass es dort so etwas wie Angst überhaupt nicht gibt. Wer auf dem Grund seiner Seele angelangt ist, findet wahre Ruhe und vollkommene Gelassenheit. Trotzdem wissen wir um die Tatsache, dass ein Teil unserer Persönlichkeit sich permanent in Angst befindet, sich pausenlos mit Ängsten beschäftigt. Sigmund Freud hat behauptet, das ‚Ich’ sei die Angststätte schlechthin. Da taucht doch unwillkürlich die Frage auf, wie wohl dieses ‚Ich’ beschaffen sein mag, das anscheinend umfassend von anderen Kräften betroffen ist und sich durch sie ständig bedroht fühlt.
Also kehre ich ganz mutig zu meinem Ausgangspunkt zurück und erfahre dabei, dass es sich bei dem Begriff ‚Selbst-Bewusstsein’ in Wirklichkeit um den Ausgangspunkt schlechthin handelt. Denn ganz egal, wie und wann ich über irgendein Phänomen der Wirklichkeit nachsinne, wird mir schließlich die Erkenntnis zuteil, dass mein Denken letztlich ohne ein (höheres) Bewusstsein nicht mehr wäre, als die zäh aufsteigenden Ausdünstungen meiner Gedärme. Nüchtern ausgedrückt: was mein beschränktes ‚Ich’ sich auch immer ausdenken mag, es wird stets von einer geistigen Instanz, die wir Bewusstsein nennen, wahrgenommen. Zugespitzt ausgedrückt, bedeutet das, dass es mich nur gibt, da es Bewusstsein gibt. Mein ‚Ich’, ja meine ganze psychische Existenz sind streng genommen eine bloße Projektion, ein Einfall einer universellen geistigen Energie, die wir Bewusstsein, Seele oder auch Selbst zu nennen pflegen.
Es war nicht zuletzt C. G. Jung, der mit seinen Forschungen auf dem Felde der menschlichen Psyche zu der Erkenntnis kam, dass sich das ‚Ich’ aus einer Sphäre heraus entwickelt, die er das ‚Selbst’ nennt. Ich brauche hier nicht zu betonen, dass Jung in diesem Zusammenhang lediglich eine Weisheit aufgegriffen hat, die einer uralten geistigen Tradition entstammt. Dass er dafür von den Sachwaltern der materialistischen Wissenschaft schärfstens diffamiert wurde, bleibt selbstredend – es handelt sich hier um das stets virulente Galilei-Syndrom, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Wer sich heute aufmacht, um sich selbst zu erkennen, dem wird es ähnlich ergehen wie Herrn Jung. Nur wird er feststellen, dass er auf seinem Wege umgehend einem inneren Sachwalter begegnen wird, der vorbringt, was ist, und was nicht sein darf. Auf diesen inneren Gegenspieler, den Widersacher, wird jeder stoßen, der sich auf den Weg zu seinen Urgründen begibt, dem Selbst, dieser unermesslichen Bewusstseinsenergie, die alles hervorbringt.
Biblisch gesprochen, ist dies der Weg des Saulus nach Damaskus, den Geist des Christus auszurotten, um auf halbem Wege dorthin wirklich umzukehren und aufzubrechen, das wahre Selbst, den Paulus in sich zu erkennen. Der Weg zum Selbst-Bewusstsein ist fraglos ein wagemutiges Unterfangen, ein Abenteuer, für das keine Lebensversicherung aufkommt. Eines jedoch ist gewiss: der Weg zum Selbst-Bewusstsein beginnt beim Selbstbewusstsein, der ursprünglichen Heimat des ‚Ich’. Wer in den aufsteigenden Dünsten seines verängstigten Ich-Bewusstseins nach Erlösung sucht, wird immer nur auf Angst, Leid und Schuld stoßen. Zum Selbst-Bewusstsein vorzudringen, bedeutet ganz konkret das Wagnis, die scheinbar schützenden Mauern des ‚Ich’ zu übersteigen. Es bedeutet im ersten Schritt die entschiedene Auseinandersetzung mit dem inneren Widersacher, der Angst, die das Tor ins Unbekannte streitlustig bewacht. Das Selbst ist kein Gut, das man in Besitz nehmen kann. Kein Mensch kann es haben, denn es ist unser aller Sein, unser einziger Besitz, geistig gesehen. Selbst-Bewusstsein ist die vornehmste Qualität der Seele, die sich durch die unerschöpflichen Energien der Liebe speist.
Ich kann mich beim Denken beobachten. Ich verfüge über ein Selbst-Bewusstsein von dem, was mir bei meinen Gedanken und Gefühlen bewusst wird. Mein Selbstbezug ist die Instanz, von der aus ich die Bewegungen, die Energieschwankungen meiner Psyche, meines suchenden ‚Ichs’ bewusst wahrnehmen kann.
Ich bin nicht ‚Ich’.
Mein ‚Ich’ ist lediglich ein Teil meiner Psyche, doch mein Wesen lebt in der Seele, im Selbstbewusstsein – das ist mein eigentliches Sein. In diesem Licht betrachtet, erscheint der programmatische Satz von Descartes, „Ich denke, also bin ich (cogito ergo sum)“ mehr als fragwürdig. Ich denke, es ist genau umgekehrt: „Ich bin, also denke ich.“ Oder anders gesagt: Das Selbst, das große universelle Bewusstsein, der Geist, das bin ich im tiefsten Grunde meiner Seele. Mein ‚Ich’ ist nur ein schwankender Notbehelf in dieser Welt, eine leidige Notwendigkeit meiner jetzigen Inkarnation.
Dabei taucht umgehend die berechtigte Frage auf, warum der Mensch sich überhaupt ein ‚Ich’ mit einer damit verbundenen Psyche zugelegt hat? Wieso gründet das Selbst eine irdische Filiale, das ‚Ich’, wenn doch die Seele sich im Menschen inkarniert? Die Antwort ist verblüffend einfach, und sie lautet, in den Worten von Christus gesprochen: “Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Eine paradoxe Antwort, die die zwei Seiten einer Medaille, die wir Seele nennen, offenbart. Wir sind nicht von dieser Welt und leben doch in ihr. Unser physischer Leib verfügt über ein Gehirn, das sich jeden Tag ein anderes ‚Ich’ erschafft. Erst wenn wir dieses sich stets verändernde ‚Ich’ loslassen können, finden wir den Weg in die Seele, öffnen sich die Pforten der Wahrnehmung in Selbst-Bewusstsein – ohne Angst.
Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, und diese Seelennahrung haben wir ein Leben lang zu verdauen.




























Keine Kommentare »
Bisher noch keine Kommentare. Schreiben Sie den ersten Kommentar!
Einen Kommentar hinterlassen