Göttliche Stimme – Inteview mit Snatam Kaur

Snatam beim Spuren Interview Einen Star hat SPUREN erwartet – und ist einer aufrichtigen, tief berührenden Persönlichkeit begegnet: Snatam Kaur, eine Frau, die lebt, was sie singt.

Sie ist ein Star. Wenn sie singt, lauschen ihr Hunderte, ja Tausende. Ihr letztes Konzert in der Schweiz dauerte über drei Stunden, die Leute haben mit ihr gesungen, haben eifrig mit ihr geübt, als sie von der Bühne aus Kundalini-Yoga anleitete, und das begeisterte Publikum wollte sie fast nicht ziehen lassen. Ihre CDs erreichen Spitzenplätze auf den Bestenlisten; wer zum ersten Mal ihre Stimme hört, ist verzaubert, obwohl kaum jemand den Inhalt der exotischen Anrufungen versteht, die sie aus einer wenig bekannten Tradition Indiens intoniert.
Als Snatam Kaur am Morgen vor dem Konzert den Raum betritt, in dem wir zum Interview verabredet sind, wirkt sie zunächst einmal unscheinbar. Eine kleine, grazile Frau, die sich zurückhält und leise Platz nimmt, ohne Raum für sich zu beanspruchen. Zur Beantwortung der Fragen nimmt sie sich Zeit. Nicht weil die 44-jährige Amerikanerin damit beschäftigt wäre, die zu ihrem Image passenden Aussagen zu finden, sondern weil sie nach innen hört, um die richtige Antwort zu finden. Die des Herzens. Aus Kom

munikation wird Kommunion. Das ist tief berührend.

SPUREN: Musik scheint stets ein Teil deines Lebens gewesen zu sein. Kannst du uns darüber mehr erzählen?
Snatam Kaur: Das stimmt, und so erlebt es nun auch meine vierjährige Tochter wieder. Um mich waren ständig Lieder, und ich habe schon als Kind dauernd gesungen. Meine Mutter ist eine professionelle Musikerin. Damit bin ich aufgewachsen. In der spirituellen Gemeinschaft, in der ich gross geworden bin, gehört Musik zum Gemeindeleben. Wir treffen uns jeden Morgen zum gemeinsamen Singen.

Warum ist das Singen für euch von so grosser Bedeutung?
In der Tradition des Kundalini-Yoga und des Sikh Dharma, der ich zugehöre und die von unserem Meister Yogi Bhajan aus Indien in den Westen gebracht wurde, spielt Musik eine zentrale Rolle. Guru Nanak, der erste Lehrer der Sikhs, lebte im 15. Jahrhundert. Er zog mit zwei Musikern durchs Land – der eine war Hindu, der andere Muslim – und verbreitete seine universelle Botschaft der Einheit: dass jede Lebensweise und jede Form von Spiritualität ihre Schönheit hat und ihre Wahrheit und dass es darauf ankomme, seinen Weg zu gehen und die Verehrung Gottes in das zu bringen, was man tut.
Guru Nanak wanderte durch ganz Indien und durch den Mittleren Osten. Wo immer er hinkam, setzte er sich, um zu singen und zu lehren. Daraus entstand ein kleines Buch mit seinen Gedichten und Aussprüchen, welches er der Nachwelt hinterliess. Die auf ihn folgenden Lehrer der Sikhs setzten diese Tradition fort und erweiterten diese Schrift, teils mit Inhalten aus der hinduistischen und der muslimischen Lehre.
Der fünfte Guru in dieser Linie fasste die Schriften zusammen und gab ihnen eine einheitliche Form. Der zehnte Guru lebte in einer Zeit grosser Anfeindungen unter den Mogulherrschern Indiens und überstand manch aufreibende Schlacht. Kurz vor seinem Tod ernannte er das heilige Buch der Sikhs zu seinem einzig legitimen Nachfolger. Die Hymnen und Verse darin sind geformt nach dem Muster indischer Ragas und entsprechen unterschiedlichen Stimmungen und Gefühlen. Das heisst, dieses Buch steckt voller Musik, seine Texte sind dazu da, gesungen zu werden. Viele Lieder, die ich selber singe, rühren von diesen Schriften.

Und die Melodien deiner Lieder, komponierst du sie selber?
Die meisten Lieder sind von mir, wobei ich mich stark von der Tiefe und dem Reichtum der indischen Musik inspirieren lasse. Yogi Bhajan kam Ende der 60er Jahre in die USA. Es war sein innigster Wunsch, dass sich Menschen mit der göttlichen Stimme verbinden. Das konnte durch Rock ’n’ Roll, durch Jazz oder einen anderen Musikstil geschehen; solange jemand mit dem Herzen dabei war, hatte er Yogi Bhajans Unterstützung. So hatte ich das Glück, neben unglaublich begabten Musikern aufzuwachsen, die mich fortwährend inspirierten.Aus dem Herzen zu singen, das scheint für dich von grosser Bedeutung zu sein. Hast du es erlernt, oder war es für dich immer schon eine Selbstverständlichkeit?
Aus dem Herzen singen ist für mich eine meditative Erfahrung. Ob ich es gelernt habe und ob ich es auch tatsächlich tue, das muss sich Tag für Tag von Neuem weisen, dazu habe ich mich immer wieder mit diesem Ort in mir neu zu verbinden. Und da es diesen Ort in uns allen gibt, fällt es den Menschen leicht, sich für diese Musik zu öffnen, obschon sie damit vielleicht nicht vertraut sind. Die Macht der Worte tut ein Übriges. Aus dem Herzen zu singen, verleiht diesen Mantren eine transformierende Kraft. Um das überhaupt tun zu können, muss man das Ego hinter sich lassen, das einem beim Singen vielleicht einflüstert, man sei ganz grossartig oder aber furchtbar schlecht.

Mir scheint, daran verschwendest du während eines Konzerts nicht allzu viele Gedanken.
Mit der Zeit tritt das in den Hintergrund. Dabei ergeht es einem wie beim Einüben einer Yogastellung. Mit jeder Wiederholung baust du deine Erfahrung aus und kannst dich verbessern. Das erhöht die Möglichkeiten, die Übung zu vertiefen, es steigert aber auch die Chance, dein Ego damit aufzublähen.

Letzteres scheint ja nun wirklich nicht dein Problem zu sein.
Ich bin ein Mensch, der stark nach innen ausgerichtet ist. So etwas würde man mir nicht ansehen. Ich habe mit meinem Lehrer Yogi Bhajan einen reichen Schatz an Erfahrungen gesammelt. Er war ein sehr fordernder und strenger spiritueller Lehrer. Vielleicht sah er voraus, was für eine Zukunft mir bevorstand, und so legte er sich bei mir ganz besonders ins Zeug. Er hat mich des Öftern angeschrien, um mein Ego niederzuhalten, und er hat mich viel darüber gelehrt, was es heisst, aus dem Herzen zu handeln und aus dem Herzen zu dienen.
Als ich zum ersten Mal mit meiner Musik an die Öffentlichkeit ging, kamen viele Einladungen und ich hätte überall auftreten sollen. Ich arbeitete damals bei Golden Temple, Yogi Bhajans Firma, die neben dem berühmten Yogi-Tee auch Frühstücksflocken herstellte. Mein Lehrer stellte sich dagegen, dass ich die Einladungen annahm und öffentliche Konzerte gab. Er wollte, dass ich Gott sehe in allem, was ich tue. Also blieb ich bei meiner Arbeit, füllte Tausende von Säcken mit Haferflocken ab und stellte die Zutaten zusammen für Müslimischungen. Heute bin ich für diese Erfahrung sehr dankbar. Nun bin ich viel mit meiner Musik unterwegs, und egal, wo ich mich aufhalte, in einem Flughafen, in einem Hotel, hinter der Bühne, weiss ich, dass Gott sich an allen diesen Orten genauso aufhält wie in einem Tempel.
Ich glaube, Yogi Bhajan lehrte mich, wahrhaft demütig zu sein und bereit zu dienen. Er hat diesem Planeten so viel Liebe gegeben und ihm einen grossen Dienst erwiesen. Für mich ist er ein grosses Vorbild, dem ich, so gut ich es kann, in meinen Konzerten und beim Anleiten von Kundalini-Yoga nachlebe. Die Mantras und die Energie mit anderen zu teilen, sind eine Möglichkeit, Menschen zu dienen. Das zu tun, hilft mir, auf der Bühne echt zu bleiben und die Demut nicht zu verlieren.

Dessen ungeachtet will ich nun doch ein Vorurteil loswerden: Als Sikh gehörst du einer ganz bestimmten religiösen Gruppe an, und du verbreitest deren heilige Texte. Willst du deinen Glauben verbreiten und die Leute missionieren?
Dieses Vorurteil beschäftigt gewiss viele Menschen, die mir begegnen. Ich kann damit leben, jedenfalls solange ich mir selber gegenüber echt bin und ich echt bin in dem, was ich tue.
Mein Name «Snatam» bedeutet «universell». Wann immer ich jemanden höre, der meinen Namen ausspricht, werde ich daran erinnert, universell zu sein. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es hilft mir, umfassend zu sein, statt ausschliessend zu wirken. In meinem Leben hatte ich das Glück, unglaublich inspirierenden Buddhisten, Christen, Hindus zuhören zu dürfen. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, mich nicht auf eine einzelne Lehre beschränken zu wollen. Das ist meine Haltung.

Möchtest du denn nicht, dass mehr und mehr Menschen zu Sikhs werden?
Also gut, nach unserem Gespräch werde ich dir einen Turban überreichen. (Lacht)

Es muss ja eine ziemliche Arbeit sein, dieses Ding am Morgen auf den Kopf zu bekommen.
Für dich wäre es einfacher, ich habe weit mehr Haare auf dem Kopf als du. Sikhs schneiden ihre Haare grundsätzlich nicht, wodurch sie sehr lang werden. Wir pflegen einen natürlichen Lebensstil. Ich bin Vegetarierin, das ist gesund für mich und für den Planeten. Mein Lebensstil bereitet mir Freude und verleiht mir den Saft zu einem glücklichen Leben.
Zu Hause in New Mexico lebe ich in einer kleinen Gemeinschaft von Sikhs. Wir sind rund dreissig Menschen und sprechen von einer Sangha. Wir stehen früh auf, kommen jeden Morgen vor Sonnenaufgang zusammen und singen gemeinsam unsere Lieder. Mein Mann und ich nehmen unsere kleine Tochter mit, und so wacht sie nach und nach in der Schwingung unseres Gesangs auf.

Wie sieht ein Tag in deinem Leben aus?
Ich stehe um 3 Uhr 30 auf – entsprechend zeitig geht es am Abend ins Bett. Als Teil der Yoga-Praxis nehme ich eine kalte Dusche. Ich glaube, das ist sehr gesund, ist gut für die Haut, und es regt die inneren Organe an. Nach dem gemeinsamen Singen rezitieren wir Guru Nanaks Hymne Jap Ji Sahib, die vierzigstufige «Leiter der Seele zu Gott». Danach praktizieren wir Kundalini-Yoga. Das Ganze dauert zwei bis zweieinhalb Stunden, und ich übe es nun seit 25 Jahren. Die einen praktizieren, um ihren Geist zu beruhigen, andere, um ihr Leben zu transformieren. Die Gründe mögen vielfältig sein, letztlich geht es einfach darum, dir eine Zeit mit Gott einzuräumen.
Später esse ich mit meiner Tochter das Frühstück, und sie geht zur Schule. Es handelt sich um eine Rudolf-Steiner-Schule, das heisst, unsere Kinder besuchen keine Sikh-spezifische Schule. Wir wollen Yogis und Meditierende sein, die sich nicht abschotten, sondern in der Welt nützlich machen. Viele Sikhs üben Berufe aus wie Arzt, Lehrer, Anwalt und so weiter. Dabei streben wir sehr stark danach, unseren Lebensunterhalt auf anständige Weise zu verdienen und die Arbeit zu einer Form von Andacht zu machen. Einige lassen sich ausbilden zu diplomierten Lehrern des Kundalini-Yoga. Dazu braucht man kein Sikh zu sein, doch die Praxis kann dazu führen, dass man sein Leben neu ausrichtet. Ein Investmentbanker, der diese Ausbildung absolvierte, sah sich nach einer gewissen Zeit ausserstande, weiter für eine Firma zu arbeiten, die er zunehmend als korrupt erkannte. Heute leitet er seine eigene Firma und folgt anderen ethischen Grundsätzen.
Während meine Tochter in der Schule ist, kümmere ich mich um die eigenen Angelegenheiten. Zum einen ist das die Organisation von Tourneen und Konzerten, zum anderen arbeite ich mit viel Enthusiasmus an einem Buch, in dem es um Kundalini-Yoga als Alltagspraxis geht. Wenn meine Tochter heimkehrt, bringt sie oft andere Kinder mit, und dann ist in unserem Haus schwer etwas los. Wir essen zusammen und sprechen um 19 Uhr das Abendgebet. Dem lassen wir gelegentlich eine Meditation folgen, um Belastungen des Tages abzubauen und die Energien herunterzufahren.

Du hast eine unverwechselbare Stimme. Wenn ich ihren Klang beschreiben soll, fällt mir kein besseres Wort ein als «unschuldig». Passt das zu dir?
Erklären kann ich das nicht. (Denkt lange nach) Mir geht es ja nicht darum, eine bestimmte Art von Auftritt hinzubekommen, sondern darum, mich mit Gott zu verbinden und eine Zeit mit ihm zu verbringen. Sollte das mal nicht mehr möglich sein, werde ich mich von der Bühne und den Aufnahmestudios abwenden und es bleiben lassen.

Viele Menschen sehnen sich nach einer solchen Verbindung, doch vor so viel Konsequenz in der Hingabe schrecken sie zurück.
Wie wahr. Viele sind sehr davon eingenommen, Geld zu verdienen. Wir leben in furchteinflössenden Zeiten.

Fürchtest du dich?
Ja. Der Zustand, in dem dieser Planet sich befindet, jagt mir grosse Angst ein. (langes Schweigen) Ich glaube, wir leben in einer Zeit grosser Herausforderungen. Wir alle sollten uns gut überlegen, wie wir unser Leben verbringen, und wir sollten dazu beitragen, dass sich grosse Veränderungen ereignen. Viele von uns werden den Preis zu bezahlen haben für das, was wir diesem Planeten antun. Es gab eine Zeit, da haben mein Mann und ich uns ernstlich überlegt, alles aufzugeben, der Welt den Rücken zuzukehren und uns irgendwo in eine Ecke zu verkriechen.
Ich habe darüber meditiert, und mir ist das Bild von Shiva erschienen, der mit der einen Hand Leben gibt und mit der anderen Hand Leben nimmt. Vielleicht haben wir zu akzeptieren, dass Shiva uns zertrampeln wird. Ich weiss, das klingt schrecklich, doch wenn es Gottes Wille ist, so wird uns nichts anderes übrig bleiben, als es zu akzeptieren.
Wir brauchen einen umfassenden Wandel des Bewusstseins. Und dieser Wandel wird sich ergeben, wenn wir alles akzeptieren können, egal, was auf uns zukommt. Zunächst haben wir es mit Gier und Aggressionen zu tun, aber es gibt auch den Weg von Yoga und Meditation, auf dem wir uns neuen Inhalten zuwenden und unser Leben neu ausrichten können. Dann geht es darum, glücklich zu sein und in Frieden zu leben.

Du hast von einem Linienhalter der Sikhs erzählt, der von einer starken Kriegerenergie beseelt war. Sollten wir uns damit verbinden?
Gute Idee. Man kann nicht Liebe praktizieren, wenn einem das Feuer und die innere Kraft fehlen, um sich selber zu beschützen.

Täglich 11 Minuten Mantrasingen
SPUREN: Das Singen von Mantras weckt im Körper subtile Energien. Gibt es eine Empfehlung von dir an unsere Leser, wie sie damit arbeiten können?
Snatam Kaur: «Diese Energien werden der Wirbelsäule entlang erweckt, sie steigen ins Gehirn auf und erreichen von dort aus das Herz. Das hat zur Folge, dass wir aus dem üblichen Daseinsmodus von Angreifen oder Flüchten wechseln in einen Zustand der Entspannung und der Akzeptanz.
Die wirkungsvollste Praxis des Chantens, die ich empfehlen kann, besteht darin, sich mit geradem Rücken hinzusetzen und mit monotoner Stimme laut ‹Wahe Guru› zu singen. Das tut man mit geschlossenen Augen mindestens einige Minuten lang und konzentriert sich dabei auf den Punkt des dritten Auges. 11 Minuten pro Tag wäre prima, 31 Minuten täglich oder auch 62 Minuten, das wäre wunderbar.»

Dieser Artikel erschien zuerst in Spuren WebSite: www.spuren.ch

Die Zeitschrift SPUREN gibts auch im Abonnement für nur:
Fr . 34.- für 4 Ausgaben in der Schweiz, Fr. 39.- in Europa.

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