Jetzt und Hier

Jetzt und Hier

von Siegfried Fastus
Was ist Gegenwart? Wodurch wird sie als solche empfunden? Woher rührt die selten erlebte Erfahrung eindringlicher Anwesenheit, das Gefühl ganz und gar lebendig zu sein? Was an ihr bohrt sich ins Bewusstsein, durchdringt den Geist so sehr, dass man glaubt denken zu können, jetzt, hier, in diesem Moment, ist mein Dasein unumstößlich ins Leben gegossen? Warum wird eben dieser Augenblick wahrgenommen, als wäre er weit mehr als nur ein Augen-Blick, als würde man mit und durch ihn über sich selbst hinausgehoben, hinein in etwas wie eine Überzeitlichkeit, in der man fast nahtlos die Ewigkeit berührt?

Man muss in einen Zustand höchster Intensität gefunden haben, man kann im Bruchteil einer Sekunde seiner Existenz behaupten: Ich bin wahrhaftig in der Wirklichkeit angekommen. Vermutlich gibt es in jeder Lebensgeschichte, ja in jedem Lebensabschnitt solche luziden Flecken ˆ die Schwarzen Löcher des Glücks. Ihre Häufigkeit wird wohl gering sein, doch man wird sie entdecken. Jene Momente, in denen das Ruhen oder die Bewegung des eigenen Wesensgrunds mit köstlicher Klarheit erlebt wird, bewahrt man völlig anders in Erinnerung als die banalen, halb verwischten Eindrücke des alltäglichen Bewusstseins. Erst einmal begriffen, lassen sie sich in der Seele nieder. Sie lassen sich aufrufen in der Leichtigkeit eines Fingerschnippens. Farben, Klänge, Gerüche, Hitze oder Kälte, ein minimaler Hauch im Flirren der Luft, sie alle erscheinen so umgehend scharf und höchst bedeutsam, als ob sie ein uns innewohnender Buddha-Christus erschaffen hätte. Wie an einem heiligen Lebensfaden aufgefädelt ziehen sich Leuchtpunkte höchster Identität mit uns selbst durch unser Dasein, die jedoch gleichzeitig Momente drohender Selbstauflösung sind. Jeder verfügt über die edle Erfahrung, das Leben in Augenblicken durchdrungen zu haben, sowie das Leben ihn beglückte.

Mit etwas Geduld dürfte es den meisten Menschen ohne größere Schwierigkeiten gelingen, sich diese persönliche Lichterkette ins Bewusstsein zu rufen. Und dies unter dem schwer aushaltbaren paradoxen Umstand, dass das jeweilige individuelle Bewusstsein das einzig persönliche bei diesem Mysterium bedeutet und eben nicht das Wiederaufleuchten des Kollektiven Unbewussten in Gestalt einer Glücks bestückten Lichterkette. Denn letztere trägt bereits den Keim des Sentimentalen in sich. Jetzt also liegen die einzelnen Glieder nebeneinander, in klar umrissenen Bildern, Tönen oder Stimmungen. Was aber löst sie aus, diese außerordentlichen Zustände? Wodurch erhalten sie ihre Wucht, ihr Strahlen, diese so sehr bewegende Unauslöschlichkeit? Welchen Umständen verdanken sie ihr Entstehen? Sind sie nicht mit einer Glückseligkeit, einer umwälzenden Lust verbunden? Liegen ihnen nicht schon naturgemäß größte Schmerzen zugrunde? Erfahrungen eines innerlichen Verzehrtwerdens, des Zusammenziehens auf einen einzigen, alles in sich aufnehmenden, alles auslöschenden, lichterlohen Punkt, der sich dann für immer auf der Festplatte des lebendigen Erinnerns einbrennt?

In jedem Fall sind derartige Erfahrungen mit einem besonders hohen Maß sinnlicher Wahrnehmung verknüpft. Es ist, als lausche man durch ein allmählich nachlassendes Rauschen, als blicke man durch dichten Nebel, der sich gerade verzieht, auf eine taufrische, wie aus dem Nichts geronnene Welt. Mit einem Mal wird zusammenhängend erfasst, was bis dahin unübersichtlich, schwammig und chaotisch gewesen ist. Unversehens scheint ein Prozess abgeschlossen, ein magischer Übergang vollzogen. Einen Lidaufschlag lang rückt das Jetzt so nahe, als lasse es sich berühren oder sogar festhalten.

Man staunt. Man möchte am liebsten gar nicht mehr aufhören zu staunen in dem magischen Zustand des Findens, in der Kommunion mit diesem einen göttlichen Augenblick, in dem sich Leben und Sterben friedlich in die Lemniskate der Geisterkenntnis fügen, wohl wissend, dass derartiges Vokabular bereits wieder die Giftpfeile des Modernen Denkens auf sich ziehen wird. Ein Denken im Übrigen, das lediglich dem Zweifeln, dem nicht mehr gelingen wollenden Gottesbeweises verhaftet ist, düster und in sich hoffnungslos zerrissen.

Wer die Gegenwart, das Hier und Jetzt erfährt, befindet sich zwanglos im Zustand der Gnade, die er als Glücksgeschenk der Götter freudig annimmt. Doch wer sich dies nur denkt und es nicht erfühlt, der wird es nie erjagen, nimmer mehr, was weiland bereits der große Goethe wusste – und vor ihm all die Alchemisten. Wer staunen kann, ist von der Wirklichkeit zutiefst ergriffen. Er spürt mit seinem Lebenssinn den Sinn des Lebens in jeder Faser seines Seins, und er ist glücklich. Wie das geht? Ganz einfach, es geschieht, wenn man es bloß geschehen lässt. Wenn nicht die falsche Schulung, ein totes Denken etwa, das Leben letztlich ausschließt und alles Glück vernichtet.

Und schließlich noch eins: es geht hier um Musik, um reine Töne, die man singen kann, der Welt der Sprache haushoch überlegen.

© Fotos Fa.bian

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