Die Null vor der Eins – Meister Eckhart und das tanzende Potential

Mönch-in-Kutte-Meister-Eckhart

Meister Eckhart – Wer mich erkennt, der erkennt, dass ich nichts bin.

Meister Eckhart, Gelassenheit und das tanzende Potential

I. Der Meister
Es gibt Menschen, die in der Geschichte einen Riss hinterlassen, nicht durch Macht oder Ruhm, sondern weil sie etwas dachten, das die Welt danach nicht mehr ganz vergessen konnte. Meister Eckhart von Hochheim, geboren um 1260 in Thüringen, war einer dieser Menschen.
Dominikanermönch, Theologe, zweifacher Pariser Magister; und doch ist keiner dieser Titel das Entscheidende. Das Entscheidende war: Er wagte zu denken, was nicht gedacht werden durfte. Er predigte das Unaussprechliche, und er tat es auf Deutsch, in einer Sprache, die dafür noch gar nicht bereit war.

„Leer sein, verstehst du? Das ist es! Nicht vermischt sein und doch mittendrin, einfach leer, ein großes Nichts, eine offene Weite.“
– Thomas Hohn, Das undenkbare Universum

Für diese Gedanken wurde er, posthum, von Papst Johannes XXII. verurteilt. 28 Sätze aus seinen Werken galten als häretisch oder gefährlich. Die Ironie der Geschichte: Genau diese Sätze prägen bis heute die Art, wie wir auf Deutsch über Bewusstsein, Sein und Innerlichkeit nachdenken.

II. Die Sprache als Werkzeug
Eckhart stand vor einem einzigartigen Problem: Die deutsche Sprache hatte keine philosophische Fachsprache. Latein war die Zunge der Gelehrten. Wer Metaphysik auf Deutsch ausdrücken wollte, musste die Sprache erst erfinden.
Istigkeit, das nackte Sein. Ichheit, die Eigenschaft, ein Ich zu sein. Seelengrund, der innerste göttliche Funken im Menschen. Abgeschiedenheit, innere Stille als höchste Tugend. Durchbruch, heute ein ganz gewöhnliches deutsches Wort; bei Eckhart war es der mystische Moment der Einheit mit dem Göttlichen.
Und dann: Gelassenheit.

III. Gelassenheit, das Lassen im Wort
Schon das Wort selbst trägt seine Bedeutung in sich. Von mittelhochdeutsch lâzan, lassen, loslassen. Die Vorsilbe ge- bezeichnet den vollzogenen Zustand. Ge-lassen-Haben: nicht das Loslassen als Akt, sondern als dauerhafter innerer Stand.
Eckhart meinte damit radikales Loslassen, des eigenen Willens, des Ich, aller Anhaftung. Keine Passivität; sondern eine aktive Offenheit: den Dingen und dem Göttlichen gegenüber leer sein, damit etwas eintreten kann.
Sechshundert Jahre später greift Martin Heidegger diesen Begriff auf, bewusst, explizit, mit Verweis auf Eckhart. In seinem Text Gelassenheit (1959) macht er daraus einen Gegenbegriff zum rechnenden Denken der Moderne: Kontrolle, Effizienz, Machbarkeit. Dagegen setzt er ein anderes Denken, ein Offensein, das nicht greift und nicht erzwingt.

Eckhart versenkte den Begriff. Das moderne Deutsch vergaß ihn. Heidegger tauchte danach.

IV. Ein anderer Finger, dieselbe Richtung
Im 10. Jahrhundert, in Indien, lebte ein Mahasiddha namens Tilopa, Wurzel der tibetischen Kagyu-Linie. Kein Kontakt zu Eckhart, keine gemeinsame Tradition, kein geteiltes Vokabular. Und doch:

Six Words of Advice from Tilopa
Let go of what has passed.
Let go of what may come.
Let go of what is happening now.
Don’t try to figure anything out.
Don’t try to make anything happen.
Relax, right now, and rest.

Let go bedeutet Lassen, Gelassenheit. Don’t try to make anything happen ist Heideggers Absage ans erzwingende Denken. Relax, right now, and rest ist Eckharts Abgeschiedenheit, die innere Stille.
Besonders die Zeile „Don’t try to figure anything out“ trifft Eckharts Misstrauen gegenüber dem bloß rationalen Erfassen. Erkenntnis, ja; aber nicht durch Greifen, sondern durch Offensein.
Diese Haltung scheint keine kulturelle Erfindung zu sein. Sie ist etwas, das Menschen in völlig verschiedenen Kontexten unabhängig voneinander entdecken, wenn sie tief genug in die Stille gehen.

Eckhart – Tilopa – Heidegger
Drei Finger. Eine Richtung.

V. Nach der Erleuchtung, Wäsche waschen
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser tragen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser tragen. So lautet der bekannte Zen-Satz.
Doch vielleicht ist die ehrlichere Version: Wäsche waschen. Kein Ausweichen, keine Poesie; einfach das Nächste, was getan werden muss.
Eckhart predigte das Loslassen nicht an weltabgewandte Mönche, sondern an einfache Menschen im Alltag. Tilopa hatte Fischer und Handwerker als Schüler. Diese Haltung lässt sich nicht in die Ecke des Lebens schieben; sie muss im Alltag ankommen, oder sie bleibt bloße Theorie.

Wer diese Haltung nur liest, versteht sie intellektuell. Wer sie praktiziert, erkennt sie wieder, egal in welchem kulturellen Gewand sie auftaucht.

VI. Das wohl ausgebildete spirituelle Ego

The Well-Educated Spiritual Ego
As the well-educated spiritual ego went to the marketplace and saw all the competing
ways and methods it starts to compare. In the same moment the „Yin and Yang
Ensemble“ starts to play the show „The Trap of Duality“. Emptiness were standing
at the corner and observes the cosmic dance with a divine smile on his face
dressed in non-judgement and non-attachment…

Der Witz steckt bereits im Titel: das wohl ausgebildete spirituelle Ego. Ein Ego, das Bücher gelesen, Techniken gelernt, Traditionen verglichen hat; und genau deshalb noch raffinierter im Vergleichen ist als zuvor. Je mehr es über Leere lernt, desto voller wird es.
Der Marktplatz: überall Angebote, Methoden, Wahrheiten. Das spirituelle Ego tut, was Egos tun; es wählt, bewertet, rangiert. Das Yin und Yang Ensemble spielt The Trap of Duality: Wer vergleicht, ist schon drin im Spiel der Gegensätze.
Und dann steht da Emptiness, nicht leer im nihilistischen Sinne, sondern gekleidet in Non-Judgement und Non-Attachment. Beobachtend, lächelnd, nicht eingreifend. Das Divine Smile sagt alles: keine Verurteilung, kein Mitleid, kein Belehren; nur dieses stille, heitere Erkennen.
Das ist Eckharts Abgeschiedenheit. Das ist Tilopas Relax, right now, and rest. Das ist Gelassenheit, nicht als Konzept, sondern als Haltung, die dem ganzen Spektakel zuschaut, ohne mitzuspielen.

VII. Die Null vor der Eins

Wandele durch die Korridore deines Raums und entdecke die Null vor der Eins!
Latenz… ist reines Potential… nur ein Schubs und die Teilchen beginnen zu tanzen…

Vor jeder Manifestation, vor jedem Gedanken, vor jedem Tanz der Teilchen liegt die Stille. Das Nichts, das kein leeres Nichts ist, sondern reines Potential.
Eckhart nannte es die Gottheit, noch vor Gott, noch vor jeder Benennung. Das Quantenvakuum der modernen Physik ist nicht leer: Es brodelt vor Potential. Teilchen entstehen und vergehen spontan, Energie entsteht aus scheinbarer Leere. Die Null ist lebendig.

Eckhart wusste das, ohne Teilchenbeschleuniger; nur mit Stille.

Eckhart: die Gottheit vor Gott – Tilopa: die Natur des Geistes – Quantenphysik: das Vakuum

Und so schließt sich der Kreis: Die erste Geschichte zeigt den Weg dorthin, durch das spirituelle Ego hindurch, vorbei an allen Methoden, hin zur Leere. Die zweite zeigt, was dort wartet; die Null, die Latenz, das tanzende Potential.

Erst loslassen. Dann entdecken. Gelassenheit, und dann der Schubs.

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Die Null ist kein Ende. Sie ist der Anfang vor dem Anfang. Eckhart wusste es. Tilopa wusste es. Das Universum tanzt es, jeden Augenblick aufs Neue.
LEER SEIN. JETZT.

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