Rupert Sheldrake – Der Wissenschaftswahn

von Carter Phipp

Sheldrake Der WissenschaftswahnWas würden Sie über ein Buch mit dem Titel „Der Wissenschaftswahn“ denken? Ich nehme an, die meisten von uns würden vermuten, es sei 1. eine Antwort auf Richard Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ oder 2. ein religiöser Angriff auf die Wissenschaft. Rupert Sheldrakes beeindruckendes neues Buch ist weder das eine noch das andere (obwohl es sicher einige Argumente in Richtung Dawkins wirft). Daher freue ich mich, dass die amerikanische Ausgabe des Buches einen anderen Titel als die englische Version haben wird. „Science Set Free“ („Befreite Wissenschaft“) ist der Titel, der den Geist dieses faszinierenden neuen Werks des englischen Biologen präziser zum Ausdruck bringt. Sheldrake ist vermutlich der kontroverseste und bekannteste Störenfried der Wissenschaft und erklärte den Namenswechsel in einem kürzlich erschienenen Interview mit dem Guardian folgendermaßen: „[Den amerikanischen Verlegern] war bewusst: Wenn sie es The Science Delusion nennen würden, könnte es als eine Abhandlung wissenschaftsfeindlicher oder fundamentalistischer Kreise gesehen werden, die anti-evolutionär und gegen den Klimawandel eingestellt sind. Und das ist ganz sicher nicht meine Absicht.“ Tatsächlich ist das Buch eine wichtige Zusammenfassung eines neuen Verständnisses der Wissenschaft, alternativer Theorien über die Natur und Bedenken bezüglich des Zustandes der wissenschaftlichen Forschung. Gründlich argumentierend und gut geschrieben ist Sheldrakes neues Werk sicher eine kontroverse Kritik einiger Grundlagen der Wissenschaft, wie wir sie heute kennen.

Mir gefällt der Titel „Science Set Free“ nicht nur, weil er provokativ ist, sondern weil in Sheldrakes Perspektive etwas genuin Befreiendes liegt. Er versucht, die Wissenschaft von einer restriktiven Form der Wissenschaft zu entkoppeln, die ein größtenteils unhinterfragtes reduktionistisches, mechanistisches, materialistisches Glaubenssystem begründet, das in seiner Sicht fast synonym mit Wissenschaft geworden und längst überholt ist. Er legt nahe, dass sogar die Daten, die aus der Wissenschaft selbst stammen, diese Schlussfolgerungen in Zweifel ziehen. „Die heutige Wissenschaft wird von der Annahme zurückgehalten,“ so schreibt er, „dass es keine Realität außer der materiellen gebe.“ Sheldrake ist der Ansicht, dass diese Schlussfolgerung natürlicherweise eine ganze Reihe von Vermutungen über die Natur des Lebens und des Universums nach sich zieht, die zu oft unhinterfragt bleiben. Nach seiner Ansicht sind „diese Glaubenssätze nicht deshalb so wirkungsvoll, weil die meisten Wissenschaftler kritisch über sie nachdächten, sondern weil sie es nicht tun.“

Der Grund für diese wissenschaftliche Weltsicht findet sich ebenso in der Geschichte als Ganzes wie auch in der Wissenschaft. Man könnte sogar argumentieren, dass diese Lehren ein wichtiges Bollwerk lieferten, um im wissenschaftlichen Kampf einen säkularen Raum zu schaffen, der gegen das Eindringen traditioneller religiöser Autoritäten geschützt war. Aber was einst eine Reihe von Schlussfolgerungen war, um sich von einem bestimmten Aberglauben oder von religiösen Orthodoxien abzugrenzen, hat sich jetzt, so schreibt Sheldrake, zu einer Ideologie verhärtet. Und wie jedes stark empfundene Glaubenssystem, wendet es sich vehement gegen jede Aktivität, die sich nicht an die Vorgaben dieses Gruppendenkens hält. Sheldrake selbst ist eine der Zielscheiben für solche Angriffe und er hat schon oft den Zorn der Beschützer der etablierten Wissenschaft gespürt. Als Biochemiker mit einem Abschluss an der renommierten Cambridge University wurde er von Richard Dawkins als Feind der Vernunft bezeichnet und sein Buch Das schöpferische Universum wurde durch eine Buchbesprechung im Magazin Nature gegeißelt, das vorschlug, das Buch sei zum Verbrennen geeignet (womit das Argument der Ideologisierung unterstrichen wird).

Aber solche Polemik scheint absurd überreizt, besonders wenn man Sheldrakes Buch selbst liest und sich mit seinem Denken auseinandersetzt. Er ist ganz sicher ein unabhängiger Denker und daran interessiert, einige fundamentale Annahmen zu hinterfragen. Und er verbindet seine Wissenschaft mit Einsichten der östlichen und westlichen Philosophie (wie einige der größten Wissenschaftler der Vergangenheit und Gegenwart). Er ist zuallererst ein Wissenschaftler mit dem Geist des Erfinders und Experimentierenden, leidenschaftlich neugierig und unwillens einfach den konventionellen Konsens als unabänderliche Tatsache hinzunehmen. In seinem ersten Kapitel listet er 10 Kernglaubenssätze auf, und sagt in diesem Zusammenhang, dass der Wissenschaft besser mit Fragen als mit Schlussfolgerungen gedient wäre. Eine Untersuchung jeder dieser 10 Themen bildet den großen Teil des Buches. Dazu gehören Konzepte wie: „Alles ist im Grunde mechanisch.“ „Die Gesamtmenge von Energie und Materie ist immer gleich.“ „Die Gesetze der Natur stehen fest.“ „Gedanken werden als materielle Spuren im Gehirn gespeichert und mit dem Tod gelöscht.“ „Die Natur ist sinnlos und Evolution hat weder Ziel noch Richtung.“

Rupert SheldrakeSheldrake liefert keinen Ersatz für jede dieser Thesen, aber er zeigt faszinierende Forschungsergebnisse und Argumente, um jede dieser Positionen zu hinterfragen. Das regt den Leser an, neu über große Realitäten wie Natur und Universum und über alltägliche Realitäten, wie die Funktion des Sehens, nachzudenken. In der Tat ist das Buch zu allererst eine wissenschaftliche Untersuchung. Und ich fand mich beim Lesen oft in tiefem Nachdenken wieder – durch Sheldrakes Argumente inspiriert hinterfragte ich meine eigenen Annahmen und begann auf neue Weise über die Welt zu reflektieren. Für seine Argumentation stützt sich Sheldrake auf eine große Anzahl von Denkern, einschließlich einiger evolutionärer Philosophen, insbesondere auf Henri Bergsons Gedanken zu Erinnerung und auf Alfred North Whiteheads Sichtweise der Subjektivität. Seine Auseinandersetzung mit Whitehead in dem Kapitel „Ist Materie unbewusst?“ ist besonders erhellend, wobei er Whiteheads Gedanken über Zeit und Kausalität untersucht und eine alternative Erklärung für einige sehr einflussreiche Experimente der Neurowissenschaft vorschlägt.

Für mich war sehr interessant, dass Sheldrake Darwin als einen seiner persönlichen Helden ansieht – nicht nur wegen dessen Theorie der natürlichen Auslese, sondern weil er sich auf Daten der ihn umgebenden alltäglichen Welt stützte, und weil er seine „provokant originelle Arbeit“ mit einfachen Werkzeugen durchführte, ohne sich auf die Hilfe und den Einfluss großer wissenschaftlicher Institute zu stützen, die die Landschaft des 21. Jahrhunderts bestimmen. Dieser Geist durchdringt Sheldrakes eigenes Werk in all den unkonventionellen Gebieten, in die er sich vorwagt: Von seinen Ideen zur Entwicklungsbiologie über seine Gedanken zum Vermögen von Tauben ihren Taubenschlag wiederzufinden und seine Untersuchungen über Tiere, die in frappierender Weise zu wissen scheinen, wann ihre Besitzer heimkommen. Sheldrake zieht sicherlich seine eigenen Schlüsse, die er mit einbringt, und seine Thesen über „morphische Resonanz“ – eine Theorie, die erklärt, wie Gewohnheiten und Entwicklungsmuster in der Biologie oder Kristallformationen in der Chemie im Laufe der Zeit übermittelt werden können – spielen eine Rolle in dem Buch. Aber sein wichtigstes Anliegen ist, die wissenschaftliche Tür für frisches neues Denken aufzustoßen, nicht sein eigenes einzuführen.

Wir brauchen AufklärungAm Ende des Buches dachte ich, dass die Wissenschaft Menschen wie Rupert Sheldrake braucht. Nicht weil seine Theorien alle richtig sind oder seine Kritik immer zutrifft. Es gab sicher Teile des Buches, denen ich nicht zustimme oder zu denen ich Fragen habe, wie es in der Natur einer derartig provokativen Argumentation liegt. Aber der offene Geist seiner Untersuchung scheint überall durch. Und ich hoffe, er inspiriert die richtige Art des Fragens und eine letztendlich authentischere Form der Wissenschaft. Sheldrakes Botschaft gilt nicht nur für Wissenschaftler, sondern für uns alle. Er warnt, dass wir vorsichtig sein sollten, dem Konzept der Wissenschaft zu viel Autorität zu verleihen. Die Wissenschaft bietet eine wirkungsvolle Perspektive, aber auch sie wurde von Menschen geformt. Wir müssen für die Wissenschaft Verantwortung übernehmen, nicht anders herum. Und deshalb können wir ihr nicht unkritisch den Schlüssel zu unserem Verstand überlassen. Wenn sich falsche Voraussetzungen und Schlussfolgerungen zeigen, sollten wir bereit sein, Fragen zu stellen. Das bedeutet nicht, die Wissenschaft selbst infrage zu stellen oder unausweichlich in einen prärationalen, abergläubischen Seinszustand zurückzufallen. Ja, wir müssen uns überall gegen Tendenzen wehren, die unverantwortlich die großen Errungenschaften des wissenschaftlichen Zeitalters unterminieren. Aber die beste Art das zu tun, ist, die Wissenschaft selbst weiter zu entwickeln. In den richtigen Händen eröffnen diese Fragen potenziell neue Dimensionen und bringen das gesamte Projekt des menschlichen Wissens in der Geschichte weiter. „Ich bin der Wissenschaft und der Vernunft zugetan“, erklärt Sheldrake am Ende des Buches. Aber er fügt einen entscheidenden Vorbehalt hinzu: „wenn sie wissenschaftlich und vernünftig sind … Ich bin denke nicht, dass wir Wissenschaftlern und der materialistischen Weltsicht eine Ausnahme vom kritischen Denken und skeptischer Nachforschung garantieren sollten. Wir brauchen eine Aufklärung der Aufklärung.“

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift EnlightenNext Impulse Nr. 4

The Science Delusion von Rupert Sheldrake erschien auf Deutsch unter dem Titel Der Wissenschaftswahn – Warum der Materialismus ausgedient hat.

 

 

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