Das verlassene Kind

Titel Das verlassene Kindvon Martin Frischknecht
Die Mutterliebe, das innige Band zwischen Mutter und Kind, gilt als Inbegriff des Menschlichen überhaupt. Doch über der Beziehung droht ein Schatten, und viele Menschen leiden daran, diesen Abgrund erfahren zu haben.

Wenn eine Schlange oder ein anderes Reptil Eier in eine Sandkuhle legt, so hat das Tier damit seinen Mutterpflichten Genüge getan. Mehr braucht es nicht. In den Eiern wachsen junge Tiere heran, die mit dem Tag ihres Schlüpfens über sämtliche Fertigkeiten verfügen, die sie zum Überleben brauchen: Flüchten, Angreifen, Beute packen, Fressen, Verdauen. Später kommt die Fähigkeit zur Reproduktion hinzu, und damit ist der Fortbestand der Gattung gesichert.
Für uns ist das eine schwierige Vorstellung. Wir betrachten das Geschehen mit den Augen eines Säugetieres. Wenn Schlangen nur schon auf ihren Eiern lägen und diese bebrüteten, wie es Vögel tun, so läge uns das näher. Dann gäbe es da vielleicht ein Schlangennest mit einer Schlangenmutter, die es bewachte und ihre Jungen in den ersten Tagen mit Nahrung versorgte. Nichts dergleichen. Das Prinzip Fortpflanzung durch Eiablage bei Fischen und Reptilien sieht Hege und Pflege der Frischlinge nicht vor. Dafür gibt es Nachwuchs in grosser Zahl. Die Mehrzahl der Jungtiere bleibt auf der Strecke, sie wird Opfer von Räubern, Krankheiten und Mangel. Doch der Fortbestand ist gesichert, und das funktioniert bereits einige Millionen Jahre länger als das Überleben der evolutionsgeschichtlich jüngeren Säugetiere.


Längste Tragezeit

Wir Menschen befinden uns am anderen Ende der Skala. Selbst innerhalb der Säugetiere sind wir die Extremsten. Kein anderes Lebewesen nimmt sich für die Brutpflege und die Aufzucht seiner Jungen so viel Zeit wie wir. Wenn wir nach neunmonatiger Tragezeit endlich zur Welt kommen, verbringen wir die ersten Jahre unseres Lebens in vollständiger Abhängigkeit von den Eltern, und der darauf folgende Prozess der allmählichen Ablösung zieht sich in aufreizender Gemütlichkeit hin bis zum Abschluss der Adoleszenz im Alter von rund 18 Jahren.
Verglichen mit den Reptilien mutet das an wie der reinste Luxus. Doch wir prekären Dünnhäuter haben ein hoch komplexes Hirn, und wir verfügen über ein ausgeklügeltes Gefühlsleben. Um damit zurechtzukommen, braucht es einiges an Training, und selbst nachdem dieses geleistet worden ist, bleiben wir vor Rückfällen ins Stadium territorial agierender Dumpfbacken nicht verschont. Ein Blick in die beliebige Ausgabe einer Tageszeitung lehrt uns da die nötige Bescheidenheit.
Aber wir kennen die Mutterliebe. Ihre Wurzeln greifen tief ins evolutionäre Erbe, das wir mit allen Säugetieren teilen. Wo der verlangende Schrei eines Kleinkindes ertönt, da wandert unsere Aufmerksamkeit augenblicklich hin. Wir können gleichsam nicht anders, als zu beschützen und zu umsorgen. Das eigene Leben setzen wir aufs Spiel, um das Wohl eines Kindes zu bewahren. Das geschieht instinktiv. Darüber hinaus feiern und verklären wir die innige Bindung von Mutter und Kind: Nahrung, Wärme, Geborgenheit, die Geburt der Psyche, Beziehung, Liebe, Sprache, so gut wie alles, was unserem Verständnis gemäss das Menschliche ausmacht, leiten wir her aus der Verbindung von Mutter und Kind.
So hoch wir den Wert dieser Beziehung veranschlagen, so sehr verdrängen wir deren Schatten. Was wie selbstverständlich von Natur aus und so gut wie von alleine geschieht, kann auch ausbleiben. Wer, wie der Mensch in seinen ersten Jahren in totaler Abhängigkeit existiert, wer auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen ist, dass andere sich um ihn kümmern, lebt mit der ständigen Gefahr, verlassen zu werden. Das geschieht zwar recht selten, doch es kommt vor. Und als Möglichkeit hängt es drohend über jener Beziehung, die uns im Innersten prägt: Die Mutter, die Quelle des Lebens, sie könnte sich abwenden und nicht wiederkehren. Das wäre der Tod.

Die Wunde
Der Arzt Daniel Dufour beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem Schatten des Menschlichen. Der Spezialist für Psychosomatik begegnet in seiner Praxis in Genf immer wieder Patienten, die an schwer einzuordnenden Symptomen leiden, welche nicht zu den in geordneten Verhältnissen und im Wohlstand lebenden Menschen zu passen scheinen. Sie tun sich schwer, Bindungen einzugehen, und torpedieren bestehende Bindungen. Zugleich leiden sie an wiederkehrenden Ängsten und Panikattacken, körperlichen Beschwerden und Suchtproblemen. «Die Häufigkeit dieses ‹Leidens› überrascht mich», erklärt Daniel Dufour, «genau wie seine multiplen Ursachen und die Erkenntnis mich überraschen, dass die betroffenen Personen sich dieser Ursachen meist gar nicht bewusst sind.»
Der erfahrene Therapeut, der in jungen Jahren für das Rote Kreuz in Krisengebieten rund um den Globus tätig war, spricht seinen Patienten gegenüber kaum je den Namen seiner Diagnose aus. In seiner Praxis nennt er das Kind bewusst kaum je beim Namen: «In meinen Augen ist es viel wichtiger, genau zuzuhören, einfühlsam und mitfühlend zu sein, offen zu bleiben und sich jeglichen Urteils in Bezug auf ein Leiden zu enthalten. So durfte ich im Verlaufe der letzten zwanzig Jahre eine ganze Reihe von Patientinnen und Patienten erleben, welche die mit dem Verlassenwerden verbundenen Verletzungen überwanden und gesund wurden, ohne sich überhaupt bewusst gewesen zu sein, dass sie von diesem ‹Leiden› betroffen waren.»
Das klingt nach Schattenboxen. Würde er die Wunde des Verlassenwerdens offen ansprechen, stiesse er bei seinen Klienten auf Unglauben und Widerstand. Der Schmerz sitzt zu tief, wie ein schützender Mantel hat sich eine dicke Schicht von Scham darübergelegt. Kommt hinzu, dass die meisten seiner Patienten scheinbar in geordneten Verhältnissen gross geworden sind und sich aus den Lebensbedingungen ihrer Kindheit nicht darauf schliessen lässt, sie seien verlassen worden. Doch auf die äusseren Umstände kommt es eben nur bedingt an. Wesentlicher sind die Emotionen, welche das schutzbedürftige Kind in seinen ersten Jahren durchlebt, und ob es die Möglichkeit hat, diese Emotionen auszudrücken, mit ihnen wahrgenommen und geschätzt zu werden. Verlassenheit hat viele Gesichter. Nur in seltenen Fällen handelt es sich um ein Wegsterben der Eltern oder um jenen offensichtlichen, von der Gesellschaft geächteten und heute als Verbrechen verfolgten Tatbestand der Kindesaussetzung. In den meisten Fällen geht es darum, dass sich ein Kind verlassen fühlt und es mit seinen Gefühlen der lebensbedrohenden Ohnmacht nicht zurechtkommt.

Wut und Trauer
Louis, ein Patient, von dem Daniel Dufour in seinem Buch berichtet, findet auf Empfehlung der Freundin in die Praxis des Psychosomatikers. Er hat drei Kinder aus erster Ehe, zahlreiche Beziehungen liegen hinter ihm, und es ist seine ständige Eifersucht, die dazu führt, dass er es vorzieht, Partnerschaften so zu beenden, indem er «alles hinschmeisst, statt von ihr rausgeworfen zu werden». Im Verlauf der Behandlung erkennt Louis, dass etwas in seiner Haltung Frauen gegenüber nicht stimmt, aber es ist ihm nicht möglich, sein Problem zu benennen oder etwas dagegen zu tun. Es fällt ihm sehr schwer, Frauen zu vertrauen. Warum das so ist, entzieht sich jedoch auch nach mehreren therapeutischen Sitzungen seiner Kenntnis.
Allmählich gelingt es dem Arzt, die Aufmerksamkeit des Patienten auf dessen Kindheit zu lenken. Mit 14 Jahren begab sich Louis auf eigenen Entschluss hin in ein Internat, weil ihm das Lernen dort entschieden leichter fiel als zu Hause. Nun erinnert er sich an die Trauer, die ihn Sonntag für Sonntag überkam, wenn er sich nach dem Wochenende daheim von seinen Geschwistern zu verabschieden hatte, um kommende Woche wieder im Internat zu sein. Trauer überkommt ihn, eine Emotion, die in seinem Erwachsenenleben kaum mehr Platz hatte. Aber auch Wut. Sie überkommt ihn, als er realisiert, wie verschlossen seine Mutter ihm gegenüber war. Nie schloss die Mutter ihn in ihre Arme, nie kam es mit ihr zum körperlichen Austausch von Zärtlichkeiten.
Vom Therapeuten dazu ermutigt, erlaubt sich Louis, seiner Wut und seiner Trauer Raum zu verschaffen. Der Ausdruck der bis dahin niedergehaltenen Emotionen verschafft ihm eine grosse Erleichterung. Doch mit seiner Eifersucht und dem Misstrauen gegenüber Frauen ist es damit nicht vorbei. Die Suche in der eigenen Lebensgeschichte führt eine Schicht tiefer. Dort wartet die Erinnerung an eine Grossmutter, die Louis als Kleinkind innig herzte und ihm die Zuwendung schenkte, die er andernorts so sehr entbehrte. Doch als er zwei Jahre alt war, starb die Grossmutter, und im selben Zeitraum wurde ihm ein kleiner Bruder geboren. Seitdem lebt Louis mit dem Gefühl des Verlassenseins. In der Therapie erkennt er dieses Gefühl als Wurzel seiner Probleme.
Als er die Trauer und Wut in sich zulässt und er den bis dahin unterdrückten Gefühlen Ausdruck verschafft, überkommt ihn eine tiefe Ruhe. Die alten Verhaltensmuster, die er sich zulegte, um nicht noch einmal verletzt zu werden, weichen einer neuen Haltung, die ihn überrascht und gleichzeitig tief beglückt. Louis berichtet seinem Arzt, er fühle sich wie neu geboren.

Strategien des Denkens
Doch nicht das Verlassenwerden als solches ist das Problem. So schlimm und bedrohlich es im Einzelfall auch sein mag, im Leben lassen sich Schicksalsschläge nicht immer vermeiden. Das Problem liegt darin, wie wir versuchen, mit den Verletzungen zurechtzukommen, die uns solche Schläge zufügen. Wir flüchten in eine vermeintlich sichere Gegenwelt. Es ist die Welt unseres Denkens. Im Kopf legen wir uns Strategien zurecht, mit deren Hilfe wir überleben, mit denen wir den Schmerz von uns abhalten und von denen wir glauben, sie würden uns vor künftigen Schlägen bewahren. Verkehrt ist das nicht. Tatsächlich helfen die Denkstrategien für eine Weile, und vielleicht beschützen sie uns davor, an der Ohnmacht des Ausgeliefertseins zu zerbrechen.
Allerdings ist dieser Schutz nicht von Dauer. Wenn er verhärtet zu einer Strategie, wenn er sich früh festsetzt als Verhaltensmuster, dem wir stur die Treue halten, weil es doch einst funktioniert hat, kommt es zu einer Stockung. Dann gerinnt das Verhalten zu einem Charakterstil, der uns abhält vom Fluss des Lebens selbst. Dahinter stauen sich Emotionen, die darauf drängen, gelebt zu werden, und Symptome an die Oberfläche schicken. Je länger diese Emotionen nicht zu ihrem Recht kommen, desto vernehmlicher senden sie ihre Botschaften in der Form von Störungen. Werden die unterdrückten Emotionen erkannt und ausgedrückt, verlieren die Störungen und Symptome ihre Schubkraft und fallen in sich zusammen.

Liebesbeweis
Diese Erkenntnisse bilden sozusagen das kleine Einmaleins der Körperpsychotherapie, wie sie sich bei uns seit den Tagen von Wilhelm Reich entwickelt und verbreitet hat. Daniel Dufour fügt den vielen bestehenden Therapieverfahren kein neues hinzu. Er hat eine elegante Lösung erarbeitet, die er Oge nennt. Das Kürzel steht für keinen Fachbegriff, sondern schlicht für eine Um- und Abkehr vom Ego. Dieses Zentralorgan selbstbezüglichen Denkens, zu dem der Verlassene Zuflucht nimmt, hat die Eigenschaft, alles Leben in sich aufzusaugen und als Simulation für uns abspulen zu lassen. Oge zielt darauf, den Denkapparat zum Schweigen zu bringen, um Platz zu schaffen für die Emotionen als Wegbegleiter zum wahren Leben.
«Die Dringlichkeit besteht nicht darin zu erklären, was passiert ist, sondern darin, den Patienten wieder ins Heute zu holen, das ja die Zeit ist, in der er lebt, und die einzige, in der er wieder Kontakt zu sich selber aufnehmen kann», erklärt Daniel Dufour in unnachahmlicher Direktheit. «Ins Heute holen», «den Denkapparat zum Schweigen bringen» – was bei anderen daherkommt als langwieriger Weg der Entspannung und Meditation, präsentiert sich hier ganz pragmatisch und nüchtern.
Geradezu unspektakulär wird bei Oge auch verfahren mit den durch das Verlassenwerden entstandenen Emotionen. Die Wut und die Trauer sollen ihren Ausdruck finden, aber das könne jeder für sich alleine zu Hause im stillen Kämmerlein tun, und schon gar nicht brauche es dazu einen Adressaten. Einfach zulassen und ausleben, bis es durch ist. Vielleicht nimmt man dazu ein Kissen zur Hand, aber bloss kein Theater daraus machen.
Schliesslich geht es um ein Gefühl der anderen Art, eines das lange Zeit verschüttet war. Daniel Dufour spricht von einem Liebesbeweis. Der Mensch, der einst von anderen verlassen und ver-stossen wurde, gibt sich diesen Liebesbeweis selber, in dem er von sich weiss: «Ich bin liebenswert.»


Literatur: Daniel Dufour: Das verlassene Kind. Gefühlsverletzungen aus der Kindheit erkennen und heilen Mankau Verlag, Murnau 2012, 163 Seiten, Fr. 22.40 € 14,95

Dieser Artikel erschien zuerst in Spuren WebSite: www.spuren.ch

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